Doch keine Klowände – Blogs als selbstreferentielles Medium
20 Dec 2007 | veröffentlicht von thomas |Etwas despektierlich werden Blogs ja mitunter als die Klowände des Internets bezeichnet. Das ist ebenso garstig wie falsch. Denn anders als Blogs haben Klowände nicht Klowände, sondern andere wichtige andere Themen (“Claudia ich liebe Dir”, “Die 6b ist doof”) zum Inhalt. Blogs hingegen scheinen sich zu einem wesentlichen Teil selbst zum Thema zu haben (jetzt zum Beispiel). Das ist zwar kein besonders neuer Gedanke und vor allem nicht von mir, aber anlässlich der aktuellen Diskussion um einen Beitrag im Westen im Speziellen und Zensur/”Kommentarpflege” im Allgemeinen, kam er mir wieder in den Sinn.
Eine vernünftige Begründung habe ich noch nicht gelesen. Schließlich hatte die Erfindung der Druckerpresse ja auch nicht zur Folge, dass ausschließlich Autorenhandbücher gedruckt wurden. Und die Erfindung des Fernsehers hatte ja eine Menge unterirdischer Produktionen zur Folge, die aber nicht im selben Maße das Fernsehen selbst zum Inhalt haben. Bei Blogs hingegen scheint eine gewisse Naturgesetzlichkeit vorzuliegen (auch wenn ich natürlich nicht bestreiten will, dass es eine ganze Reihe hervoragender Blogs gibt, die ein “richtiges” Thema haben).
mehr zum Thema :
- Bloggen bei Basic …
- Bei Fragen zu Nutzungsrechten, fragen Sie Ihren Doktor
- Vermarktungschancen deutscher Blogs
- Bescheidenheit ist eine Zier :-)
- Arme kleine Blogosphäre …



5 Kommentare zu “Doch keine Klowände – Blogs als selbstreferentielles Medium”
von weltkind am 22 Dec 2007 | kommentieren
an der problematik des selbstreferetiellen ist natuerlich was dran. und das gefuehl der sinnlosigkeit des eigenen tuns beschleicht jeden e-publisher irgendwann mal. ansonsten ist die ganze debatte eine sehr, sehr deutsche.
anders als in den usa, wo “blogger” (ich bevorzuge mittlerweile den begriff e-publisher) laengst anerkannt sind und teilweise hervorragendes leisten, gelten sie in good old germany immer noch als ein bisschen halbseiden. und es stimmt ja auch: es sind nicht immer die intelligentesten blogs, die bei uns mega-erfolgreich sind (namen werden hier nicht genannt).
ueber die ausfaelle von dem matten herrn aus hamburg, herrn stenglein (wer ist herr stenglein *ratlos guckt*) und diversen anderen herrschaften einschliesslich waz-holthoff-poertner, der bloggern sogar die grundrechte abspricht, kann man milde laechelnd hinweg sehen. nichts als wildes umsichgeschlage eines sterbenden mediums namens “zeitung”. genauso war ja auch mal das fernsehen fuer radioleute “vom teufel gesandt”.
vielfach wird noch mit zweierlei mass gemessen: klassischer journalismus sei per se serioes, bloggerei nicht. und wenn ein fest angestellter redakteur mit pensionsberechtigung haeme ueber einer person ausgiesst (wie neulich ein dummschwaetzer von der waz, der die gescheiterte erbin des klavierbauers ibach mit einer millowitsch-knallcharge verglich), dann ist das journalistische Freiheit, allenfalls Satire; wenn ein Blogger das gleiche tut, ist das gleich “ueble Nachrede”, “Rufschaedigung” und “Geschaeftsschaedigung”. Seltsam.
Die freie Meinungsaeusserung ist aber nicht teilbar, genauso wenig wie die Menschenrechte. Ich persoenlich denke, es wird die Meinungsfreiheit der Blogs in absehbarer Zeit ein Thema fuer das Bundesverfasssungsgericht sein. Herr N. sollte durch alle Instanzen gehen, ich hoffe, er haelt die Ohren steif.
Und: es soll ja sogar Blogger geben, die es bis in die Chefetage eines “serioesen” verlages schaffen…..
Ansonsten: Es gibt auch nicht wenige gefrustete Ex-Journalisten, die mit der zunehmenden Verflachung auch der angeblich A-Klasse-Medien (vor allem und gerade auch in juengerer Zeit ZEIT und Sueddeutsche), so ihre Probleme haben. Und die die Blogs ganz bewusst als Medium nutzen. Und die WAZ hat eh keine journalistische Qualitaet, schon lange nicht mehr.
von thomas am 30 Dec 2007 | kommentieren
So ein langer Kommentar und dann gibt es eine Woche lang keine Antwort .. sorry – aber mit Blick auf Weihnachten hoffentlich entschuldigt.
a) zum e-publisher: das finde ich begrifflich ja zwar nicht besonders elegant, aber tatsächlich treffender als “Blogger”. Schließlich ist das Blog ja (mal abgesehen von der erwähnten Selbstbezüglichkeit) eigentlich Mittel zum Zweck. Das e-publishing könnte genausogut ja auch nach alter Väter Sitte und mit handgestricktem HTML auf statischer Seite erfolgen.
b) zum sterbenden Medium Zeitung: das sehe ich noch nicht so recht am Ende, der Vergleich mit Radio und Fernsehen ist da doch durchaus treffender: Fernsehen hat Radio nicht verdrängt, nur die Nutzung verändert; die Zeitung (und auch das Buch) werden gleichermaßen überleben.
c) zu zweierlei Maß bei der Bewertung von “Offline-Journalismus” und “Bloggerei” hat sich unlängst ja Stefan Niggemeier auch ausführlich geäußert. Tatsächlich scheint mir hier doch ein arriviertes (aber nicht sterbendes, s.o.) Medium einfach nicht so recht zu wissen, wie mit dem Phänomen umzugehen ist. Einhegen und kopieren (wie im “Westen”), verklagen oder ignorieren?
Wenn es rechtlich relevante Dimensionen annimmt, also auf Unterlassungsklagen und ernsthafte finanzielle Konsequenzen hinausläuft, scheint mir der vorgeschlagene Weg einer grundsätzlichen gerichtlichen Klärung sinnvoll. Aber was das “Tagesgeschäft” angeht halte ich es für müßig, auf diese Angriffe weiter einzugehen. Graff denkt über Online-Autoren, “Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter (zit. bei Stefan Niggemeier). Du sprichst der WAZ journalistisches Niveau ab. Erfreulicherweise sind wir ein freies Land wo man beides darf (und beides gelassen ertragen sollte).
von weltkind am 30 Dec 2007 | kommentieren
eine antworte erwarte ich gar nicht immer zwingend. ;-). danke fuer deine ausfuehrlichen und wirklich anregenden kommentare. das mit der festen website stimmt und wird es bei mir auch demnaechst zusaetzlich geben. lustig: wenn man es in buchform goesse und es wuerde ein erfolg, hiesse das ganze dann “publizistik” und wuerde bei aspekte vorgestellt.
ich war zu lange bei dem verein, um die eitelkeiten in der branche nicht zu kennen. :-).
ansonsten wie gehabt: ein deutsches problem. in usa sieht die sache komplett anders aus. da gibt es hoch angesehene blogger. aber da wird man ja auch wegen rassismus verklagt und nicht wegen “verleumdung”. bei uns in deutschland ist es umgekehrt. die freie meinung galt in england und usa traditionell immer schon mehr als bei uns.
derzeit beschaeftigt mich mein todeskandidat in georgia uebrigens mehr als die waz. schau doch mal rein. http://gruenemeile-briefeausdertodeszelle.blogspot.com/ und guten rutsch.
weltkind.